Therapeut
Albert, ein Mann in den besten Jahren, war beliebt bei seinen Mitmenschen. Hilfsbereit und immer guter Dinge, wurde er in seiner Firma geschätzt. Er arbeitete schon jahrelang als Kraftfahrer beim Kohlenhandel. Mit Erich, seinem Beifahrer, verstand er sich gut. Erich war eher ein ruhiger Typ. Beide Charaktere ergänzten sich. Im Laufe der Zeit bildete sich zwischen beiden eine Freundschaft und ihre Familien verkehrten auch privat miteinander. Sie waren beide verheiratet und hatten schon erwachsene Kinder, die mittlerweile aus dem Haus waren und ihr eigenes Leben führten.
Ein schreckliches Ereignis sollte aber schon bald das Leben beider Familien verändern.
An einem schönen Herbstmorgen, die Sonne lugte schon durch den Frühnebel, erschienen Albert und Erich pünktlich um sieben Uhr zum Dienst. Aber heute lief alles verkehrt. Die Lieferscheine waren noch nicht fertig und als sie fertig waren, klappte es mit dem Beladen des Fahrzeuges auch nicht gleich. Alle anderen Fahrzeuge waren schon vom Hof und sie sollten heute die Letzten sein. Endlich war es soweit, zehn Tonnen Kohlen waren geladen und es konnte los gehen. Albert stieg ins Fahrzeug und ließ den Motor an. Erich schloß die Ladeklappe und gab Albert zu verstehen, er könne ein Stück vorfahren. Er wollte bloß noch seine Jacke holen und dann konnten sie fahren. Erich warf noch einen prüfenden Blick auf die Ladeklappe und war im Begriff, weg zu gehen. Doch plötzlich sah er am rechten Hinterrad ein Holzstück, das von einer Palette abgebrochen war. Aus dem Holzstück ragte ein langer Nagel. Na, dachte Erich, bevor sich noch jemand seine Reifen kaputt fährt, werde ich es mal lieber wegnehmen.
Er bückte sich, um das Holzstück aufzuheben. In dem Moment geschah es, das Fahrzeug fuhr plötzlich ein Stück zurück, Erich kam unters Hinterrad, ein kurzer Aufschrei und Erich lag zerquetscht unter dem Reifen. Er war sofort tot. Bei dem großen Gewicht des Fahrzeuges hatte er keine Chance.
Wie konnte das passieren? Albert hatte das OK Zeichen von Erich erhalten und wollte auch ein Stück vorfahren, aber dicht neben seinem Fahrzeug hatte jemand einen großen Stapel Paletten abgestellt. Der Stapel stand so ungünstig, daß er ihn beim Vorwärtsfahren umgestoßen hätte. Also schaute er in die Seitenspiegel ob hinten alles frei ist. Es war kein Hindernis zu sehen. Erich konnte ja auch nicht mehr am Fahrzeug sein, denn er wollte seine Jacke holen. Jetzt fuhr er ein Stück zurück, um dann das Lenkrad neu einzuschlagen und an dem Palettenstapel vorbeizufahren. Das war genau der Zeitpunkt, wo Erich sich nach dem Holzstück bückte. Das Unglück war geschehen. Eine Büroangestellte, die zufällig den Vorgang vom Fenster aus angesehen hatte, schrie laut auf und fuchtelte wie wild mit den Armen hin und her. Albert sah es und dachte, da konnte irgend etwas nicht stimmen. Vorsichtshalber fuhr er wieder ein Stück vor und stieg aus dem Fahrzeug, um nachzuschauen was da sei. Ein Anblick des Grauens bot sich ihm, als er Erich hinter seinem Fahrzeug leblos liegen sah. Albert war so geschockt, daß er wie versteinert stehen blieb. Er war nicht in der Lage, irgend etwas zu tun.
Mitarbeiter eilten herbei und brachten Albert in den Aufenthaltsraum. Über den toten Erich wurde eine Decke gelegt. Kurze Zeit später kam auch schon der Rettungswagen und die Polizei.
Inzwischen waren drei Monate vergangen. Albert war immer noch krank geschrieben. Er kam einfach nicht darüber hinweg, daß sein bester Freund durch sein Verhalten ums Leben gekommen war. Trotz ärztlicher Behandlung und ständiges Bemühen seiner Frau ihm die Schuldgefühle auszureden, trat keine wesentliche Besserung seines Gemütszustandes ein. Auch das Gerichtsverfahren, das mit Freispruch endete, konnte ihn nicht umstimmen. Am liebsten wäre er verurteilt worden, um wenigstens einen Teil seiner Schuldgefühle abzutragen. Sogar Erichs Witwe, die trotz alledem noch zu ihm hielt, konnte ihm durch tröstende Worte die Belastung nicht nehmen. Albert sprach oft davon, sich zu erhängen, um endlich seelische Ruhe zu haben. Er saß stundenlang im Wohnzimmer und stierte vor sich hin, völlig abwesend von seiner Umwelt. Auch kapselte er sich immer mehr von seinen Mitmenschen ab.
Der behandelnde Arzt entschied, er solle wieder arbeiten gehen, um unter Menschen zu sein. Der erste Arbeitstag nach drei Monaten war leichter als erwartet. Die Mitarbeiter gingen mit ihm um als wäre nichts geschehen. Es war aber nicht wie früher, denn Albert war vollkommen verändert. Wo war seine unbeschwerte Fröhlichkeit die ihn bei allen Mitarbeitern so beliebt gemacht hatte? Alle merkten es, Albert hatte den Tod seines Freundes noch nicht verkraftet. Auf persönlichen Wunsch arbeitete Albert jetzt im Innendienst. Er traute sich noch nicht, wieder ein Auto zu fahren. Verbissen verrichtete er seine Arbeit und sprach nur das Notwendigste.
Zu seinem Unglück gab es zwei Mitarbeiter, die anfingen gegen ihn zu sticheln. Hinter vorgehaltener Hand nannten sie ihn einen Mörder. Als Albert es mitbekam war es ganz aus. Wieder kamen die schlaflosen Nächte, und wenn er endlich einschlief, die Alpträume. Ständig hatte er das Bild von seinem toten Freund vor Augen. Er begab sich wieder in ärztliche Behandlung und wurde krank geschrieben. Die beiden Mitarbeiter, die gegen ihn gestichelt hatten, wurden entlassen.
Nun ergab es sich, daß seine Frau von einer Bekannten angesprochen wurde, ob sie nicht einen Hund geschenkt haben möchte. Ihre Tochter hatte sich um den Hund gekümmert, bekam nun aber eine Lehrstelle außerhalb, und keiner hatte jetzt Zeit für den Hund. Es war eine einjährige schwarze Pudelhündin. Alberts Frau war einverstanden und überraschte ihren Mann mit dem Hund. Er war zunächst erstaunt, denn er hatte sich noch nie mit Tieren beschäftigt.
Da Albert durch die Krankschreibung die meiste Zeit im Haus war, kamen jetzt allerhand Aufgaben auf ihn zu. Er mußte sich ums Hundefutter kümmern, mit dem Hund Gassi gehen und auch sonst wollte der Hund beschäftigt sein. Es lief alles gut an. Albert und der Hund verstanden sich vom ersten Tag an. Durch den neuen Hausgenossen kam Albert tagsüber kaum noch zum Grübeln. Bloß des Nachts kamen die qualvollen Gedanken.
Nach ungefähr einer Woche fing Albert plötzlich an, mit dem Hund lange Gespräche zu führen. Der Hund saß vor ihm und schaute ihn neugierig an. Albert erzählte dem Hund alles was ihn bedrückte. Der Hund saß da und verstand nicht ein Wort. Aber irgend wie fühlte der Hund, daß sein Herrchen Sorgen hatte und fing plötzlich an ihm die Hand zu lecken. Albert kamen die Tränen. Er konnte das erste Mal nach dem tragischem Unglück richtig weinen. Albert wollte gar nicht mehr aufhören und streichelte dabei immer wieder den Hund und der Hund wiederum leckte ihm die Hand. Als Albert sich beruhigt hatte, machte er sich frisch, schnappte sich seinen Hund und ging mit ihm Gassi. Eine Bekannte, die er auf der Straße traf grüßte er überschwenglich und tollte dann ausgelassen mit seinem Hund herum. Irgendwie fühlte er sich jetzt frei, als wäre ihm ein großer Stein vom Herzen gefallen.
Als dann seine Frau vom Dienst kam, war sie überrascht, Albert nicht mehr mit einem bedrückten Gesichtsausdruck anzutreffen. Albert erzählte ihr was vorgefallen war und sie war voller Freude. An diesen Abend konnte Albert nach langem gleich einschlafen und schlief auch traumlos durch bis zum Morgen. Von nun an ging es mit Albert bergauf. Die Schlafstörungen ließen immer mehr nach und auch sein Selbstbewußtsein fing an sich zu stabilisieren Albert und der Hund waren unzertrennliche Freunde geworden. Alles was möglich war machten sie gemeinsam.
Beim nächsten Arztbesuch wunderte sich sein Arzt, daß er plötzlich so große Fortschritte gemacht hatte. Albert erzählte ihm alles und der Arzt lächelte ihm wohlwollend zu. Nach drei Wochen ließ er sich dann gesund schreiben und ging wieder arbeiten. In seinem Arbeitskollektiv freuten sich alle, daß er übern Berg war. Sechs Wochen später saß er wieder auf seinem Lastkraftwagen und fuhr Kohlen aus. Außer einem Beifahrer war immer noch ein Dritter mit auf Tour, sein Hund.
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