Lebensretter

Nach dem frühzeitigen Tod ihres Mannes schaffte sich Else einen Dackel an. Sie hoffte, dadurch die Einsamkeit besser zu überstehen. Beide verstanden sich gut und der Hund war in ihrem Tagesablauf eingegliedert. Else arbeitete jetzt Halbtags als Putzfrau, um sich zu der Witwenrente noch ein paar Mark dazu zu verdienen. Was sollte sie auch anderes machen? Seit dem dreißigsten Lebensjahr hörte sie schwer und kam nur noch mit einem Hörgerät zurecht. In letzter Zeit hörte Else immer schlechter. Der Arzt konnte auch nicht mehr helfen, denn es wäre eine Operation notwendig gewesen, aber sie war für diesen Eingriff schon zu alt. Ihre Schwerhörigkeit hatte inzwischen solche Ausmaße angenommen, daß sie nur noch Geräusche wahrnehmen konnte, aber gesprochene Worte verstand sie nicht mehr. Eigentlich kam sie bloß noch mit ihrem Hund klar, denn der Hund machte sich verständlich durch Gesten und Blicke. Der Versuch, den Menschen die Worte vom Mund abzulesen, scheiterte meist daran, daß die Menschen einfach zu schnell sprachen. Sie zog sich immer mehr zurück, da sich ja ohnehin kaum jemand mit ihr unterhalten konnte. Das einzige Lebewesen mit dem sie sich gut verständigen konnte, war ihr Hund. Letztendlich ließ ihr Gehör soweit nach, daß sie taub wurde. Jetzt kam sie auf ihrer Arbeitsstelle auch nicht mehr zurecht. Immer war das Gefühl da, daß die Beschäftigten sie hinterm Rücken auslachten oder über sie schlecht sprachen. Vielleicht auch manchmal zu Recht, da sie jetzt auch vieles falsch machte, weil sie es einfach nicht verstand. Kurz entschlossen gab sie ihre Arbeit auf. Mit ihrer Witwenrente und dem Ersparten konnte sie auskommen. Jetzt, da sie keine Beschäftigung mehr hatte, war der letzte Kontakt zu anderen Menschen ganz abgebrochen. Aber sie hatte ja noch ihren Dackel. Mit ihm machte sie ausgiebige Spaziergänge und dem Hund war das nur recht. Der Hund stellte sich langsam darauf ein, daß sie gar nichts mehr hören konnte. Wenn es mal an der Wohnungstür läutete, zupfte er an ihrem Rock und ging in Richtung Wohnungstür. Dann wußte sie Bescheid, daß jemand an der Tür war. Den Telefonanschluß hatte sie abgemeldet, denn wie sollte sie telefonieren, wenn sie doch nichts hörte. Ihr neues Hobby wurde das Fernsehen. Es gab ja die Sendungen für Hörgeschädigte und auch Natur- und Tiersendungen sah sie sich gerne an. Sogar die Reklamespots wurden auf einmal interessant. Durch den Fernseher bekam sie wenigstens etwas von der Außenwelt zu sehen. Ihr Fernseher war ein recht altes Modell. Er hatte nicht mal eine Fernbedienung und die Bildqualität war auch nicht mehr besonders. Ab und zu streikte der Apparat auch mal. Dann haute sie mit der Faust aufs Gehäuse und er funktionierte wieder. Abends schlief sie beim Fernsehprogramm oft ein. Meistens dann, wenn sie dem Fernsehprogramm nicht folgen konnte. So auch an diesem Abend. Sie war in ihrem Sessel fest eingeschlafen und der Hund lag neben ihr auf dem Teppich. Da geschah es. Der altersschwache Fernseher gab seinen Geist auf. Aus den Lüftungslöchern der Rückwand schossen Funken heraus und es schmorte und knisterte im Fernseher. Die Hauptsicherung flog raus und es wurde alles dunkel. Aber es war schon zu spät. Die dünne Nylongardine hinter dem Fernseher hatte Feuer gefangen und brannte lichterloh. Brennende Gardinenstücken fielen auf den Teppich und setzten somit den Teppich in Brand. Alles ging furchtbar schnell. Else saß schlafend in ihrem Sessel und bekam von alledem nichts mit. Wäre da nicht der Hund, hätte es mit Else wohl ein böses Ende genommen. Der Hund fing sofort an zu bellen, sprang zu Else auf den Sessel und zerrte an ihrer Kleidung. Else wurde wach und dachte sie habe einen bösen Traum. Die Hitze des Feuers und der viele Qualm überzeugte sie aber gleich vom Gegenteil. Geistesgegenwärtig lief sie zur Wohnungstür, öffnete sie und schrie um Hilfe. Der Hund hinterher und bellte dann wie verrückt im Hausflur. Else lief zurück ins Bad, füllte einen Eimer mit Wasser und fing an zu löschen. Durch das Hundegebell im Hausflur eilten gleich die Nachbarn herbei und sahen das Unglück. Sie riefen die Feuerwehr und halfen beim Löschen. Als die Feuerwehr eintraf, war der Brand schon unter Kontrolle. Den entstandenen Sachschaden deckte später ihre Versicherung ab. Dadurch kam sie auch zu einem hochmodernen neuen Fernseher mit Fernbedienung und Videotext. Aber das Wertvollste, was sie besaß, hatte der Hund gerettet, ihr Leben. .

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